Dieser Bericht ist mir aus der Seele gesprochen!
DAS NERVT
Bericht aus "Das Magazin" Nr. 44 Tages-Anzeiger 01
Der Bericht darf mit der freundlichen Genehmigung der Verfasserin Charlotte H. Hurni hier veröffentlicht werden. Herzlichen Dank dafür und alles gute auf Ihrem weiteren Weg.
DAS NERVT Text: Charlotte H. Hurni
Wer an einer chronischen Krankheit leidet,
erhält ungefragt Ratschläge von allen Seiten.
Sie sind gut gemeint, gehen einem aber auf den Keks.
Zum zweiten Mal sitze ich in diesem Haus in der Innerschweiz auf einem Taburettli mit Autoteppich, in der Mitte eines ziemlich kahlen Raumes, und lasse mich von einem kleinen, rundlichen Mann mit Mundgeruch und Costa-del-Sol-Teint, Goldzähnen, Kettchen und Golduhr bioenergetisch behandeln. Der Mann hat verschmitzte Augen, eine gute Ausstrahlung und ist sicher seriös. Das zeigt sich allein daran, dass er mir keine Heilung verspricht, sondern nur die "Stabilisierung meines derzeitigen Zustandes". Dieser ist im Moment mässig gut; vor vier Jahren bin ich an multipler Sklerose erkrankt. Verflixt, denke ich auf dem Taburettli, wäre ich doch nur vor ein paar Monaten schon gekommen, als es mir besser ging.
Das stresst Ich versuche mich zu entspannen. Seriöse Berührung mag ich ja grundsätzlich, und tatsächlich falle ich wie beim ersten Mal in eine Art meditativen Zustand. Was mich positiv überrascht. Wir sprechen kaum. Er erzählt mir lediglich, dass er meine "abfliessenden und somit verpuffenden Energien" bündle, sodass sie nicht mehr fliehen können. Im Grunde ein simpler physikalischer Vorgang, verständlich und nachvollziehbar, nur leider nicht messbar und deshalb Glaubenssache. Mein Problem ist, dass ich nicht an diese Art Behandlung glaube und in ihm - bei aller Sympathie - einen Scharlatan sehe. Ich bin hier, weil eine Freundin, die vom Heilpotenzial dieses Praktikers überzeugt ist, mich dazu überredet hat. Das Argument, ich könnte mir diese Behandlung finanziell nicht leisten (eine halbe Stunde kostet 130 Franken), wurde mit grosszügigem Sponsoring aus dem Weg geräumt. Hätte ich mich geweigert, würde mir womöglich vorgeworfen, ich wolle mir gar nicht helfen lassen. Und damit setzt man mich schachmatt.
Ständig werde ich mit irgendwelchen Tips und garantiert sicheren Heilmethoden eingedeckt. Das stresst und überfordert mich, denn erstens sind die Leute enttäuscht, wenn ich auf ihre Ratschläge nicht einsteige, und ich muss mich rechtfertigen - sie wollen schliesslich helfen und aktiv der Ohnmacht etwas entgegensetzen. Zweitens weiss ich selber nicht, was ich aus dem riesigen Angebot ausprobieren soll. Zusätzlich anstrengend ist die immer wieder frisch geschürte Hoffnung und die oft darauf folgende Enttäuschung. Auch die Kraft, immer wieder neue Therapien auszuprobieren und duchzutesten, fehlt mir. DIE Wundermethode gibt es nicht. Gäbe es sie, würden sie sich in Windeseile um den Erdball verbreiten.
Viele Verheissungen Während ich die Hände des Therapeuten auf meinem Rücken spüre, erinnere ich mich an all die "Wunder", die mir bereits erzählt wurden. Vom Mann, der sich selbst mit Cranio-Sacral-Therapie heilen konnte. Von der Frau, die sich mit einer Feldenkreis-Therapie vom jahrelangen Rollstuhlleben befreite und jetzt Seminare für MS-Betroffene gibt. Oder diejenige, die sich das Amalgam aus den Zähnen entfernen liess, und alles war gut. Die Gedanken kreisen, ich zähle still für mich auf: Auspendeln, Smogeliminierung und Feng Shui, Farben, Düfte, Licht und Lachen, Kinesiologie, Träger, Moxen, Chinesische Medizin, Homöopathie, Ayurveda, Aquatische Therapie, Fussreflexzonenmassage, Akupunktur/-pressur, Schlangengift und Vitamin B, ein Gläschen Urin zum Frühstück, Yoga, Reiki, Loslassen und Meditation - mir beginnt zu schwindeln. Ausdruckstanzen oder Eurhytmie, Antroposophische Heilkunde und endlich akzeptieren, dass man sich die Eltern selbst ausgesucht hat. Hypnose und NLP, Magnetfeldmatte, Autogenes Training. Auch Diäten sollen Erfolg versprechend sein. Fleisch darf, wenn überhaupt, nur weisses gegessen werden. Fisch hingegen soll gut sein. Mag ich zum Glück auch lieber. Schwarze Kleidung direkt auf der Haut zu tragen, wird nicht empfohlen, und Daunendecken sind bei MS unbedingt zu vermeiden. Und Stress sowieso. Jawohl. Also widersetze ich mich vielen Verheissungen - bis auf wenige Ausnahmen, wie etwa die derzeitige auf dem Taburettli. Ich spreche nicht allen Therapien grundsätzlichen Erfolg ab, und immer bleibt die Frage: Mach ich auch genug und das Richtige? Möchte ich tatsächlich (nicht) gesund werden? Aha, die Psychotherapie und Analyse habe ich vergessen!
Nun, ich werde Zynisch. Doch durchs (chronische) Kranksein gerät man wirklich in seltsame Situationen. Die Geschichte mit dem Vitamin B fällt mir jetzt ein. Dieser Empfehlung hat mir eine Therapeutin, die ich wöchentlich konsultiere, gegeben. Sie wusste aber nicht genau, welches Vitamin B für meinen Typus das richtige wäre, und ich sollte doch in der Apotheke im aufliegenden Kompendium nachschlagen gehen. Ein schlechtes Gewissen hat sich am Abend vor der nächsten Therapie breit gemacht: Was soll ich ihr erzählen, falls sie mich fragt? Ich überlegte mir eine Notlüge, denn mir fehlte beim besten Willen die Energie, um 23 Uhr noch in die Apotheke zu fahren.
Die Empörung Weiter erinnere ich mich an einen Vortrag, den ich mir angehört habe. "MS - auch ein spirituelles Thema - chronisches Leiden in der Sicht verschiedener Weltanschauungen" war der Titel. Ein Thema mit Potenzial und interessant, dachte ich. Doch war das Vorgetragene leider sehr enttäuschend. Da wurde zum Beispiel vom Podest herab mitgeteilt, dass ich halt verhärtet sei (an mehreren Stellen, aber das wusste ich schon). Auch zu ehrgeizig und zu streng mit mir selber sei ich. Das sind alle MS-Patienten und -Patientinnen - deshalb haben wir ja MS ?! In meinem Fall trifft das durchaus teilweise zu, nur empört mich eine solche Aussage, und ich finde sie in ihrer "Einfachheit" anmassend. Was will mir diese Frau eigentlich sagen? Aha, klar, dass ich gewisse krank machenden Charakterzüge ändern sollte. Nichts einfacher als das... dumme Kuh. Exgüsi. Weiter "predigt" sie mir, dass ich die bedingungslose Liebe lernen müsse und auch: zu geben, nicht zu nehmen; aber lernen, anzunehmen. Das muss ich mir ausgerechnet von einer gesunden Frau sagen lassen! Sie hat noch viel mehr dahergeplappert und sich am Schluss bei uns Betroffenen sogar bedankt, weil wir mit unserem Kranksein wichtige Funktionen in der Gesellschaft übernehmen. Bitte sehr! Ich leiste mit meinem Kranksein doch gerne einen Beitrag für eine gesündere Gesellschaft. Ich spüre, wie mir die Galle noch einmal hochkommt.
Dieses Taburettli und die Therapie haben es in sich. In dieser Entspannung können die Gedanken feien Lauf nehmen. Bioenergetik und Psychohygiene inklusive. Zurücklehnen kann ich aber leider nicht, da das Taburettli keine Lehne hat. Und bevor ich in den Alltag zurückkehre, denke ich zuletzt:
Eine Therapie, die mir mit Sicherheit wohl bekommt, ist die Schreibtherapie. Die werde ich weiterverfolgen.
Charlotte H. Hurni, 37, arbeitete bis zu ihrer Erkrankung an multipler Sklerose
als Buchhändlerin.