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Originalbericht aus der "Medical Tribune" Nr. 4 vom 24.1.97 Wenn Kopfschmerzen zum Rumlaufen zwingen Chronische paroxysmale Hemikranie und Clusterkopfschmerz Kongressbericht LAUSANNE - Einseitige Anfälle stärkster Kopfschmerzen begleitet von autonomen Phänomenen - dahinter kann sowohl ein Clusterkopfschmerz als auch eine chronische paroxysmale Hemikranie stecken. Aber trotz typischer Symtome ist die richtige Diagnose oft schwierig. Woran Sie die seltenen Kompfschmerzformen erkennen und was den schmerzgeplagten Patienten helfen kann, wurde im Rahmen der 12. Tagung der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft genauer erläutert. Bis zu ihrem 30. Geburtstag war alles in bester Ordnung. Nie litt die heute 44jährige unter Kopfschmerzen, sie fühlte sich gesund und hatte gerade ihr drittes Kind zur Welt gebracht. Bei der ersten Menstruation nach der Schwangerschaft passierte es dann: Sie wurde von heftigen Kopfschmerzattacken heimgesucht. So heftig waren die Schmerzen, dass sie einfach nicht stillsitzen konnte und wie ein Tiger im Käfig hin- und herlief. Nach 15 Minuten war alles vorbei, nach einer Dreiviertelstunde kam der Schmerz zurück, blieb wieder 15 Minuten, pausierte eine Dreiviertelstunde, kehrte zurück ...... In den ersten vier Jahren litt sie alle drei bis vier Monate unter den Schmerzattacken. Sie setzten jeweils mit Beginn oder am Vorabend der Menstruation ein und konnten bis zu drei Wochen anhalten. Mit der Zeit wurden die Attacken immer häufiger und in den letzten zehn Jahren habe sie keinen einzigen schmerzfreien Monat mehr erlebt, berichtete die an der Tagung vorgestellte Patientin. Doch seit drei Wochen sei sie kopfschmerzfrei. Seitdem nimmt sie 140mg Indometacin pro Tag, je 75mg morgens und abends. Dieser beeindruckende Indometacin-Effekt ist typisch für chronische paroxysmale Hemikranke (CPH). Genauso charakteristisch sind die hohe Anfallsfrequenz von bis zu 30 Attacken innert 24 Stunden und die kurze Dauer dieser immer einseitig äusserst heftigen Kopfschmerzen. Sie dauern in der Regel unter 30 Minuten und werden nicht selten von konjunktivaler Injektion, Tränenfluss, Nasenverstopfung, Nasenlaufen, Ptose und Lidödem auf der betroffenen Seite begleitet. "Frauen scheinen häufiger von chronischer parosxysmaler Hemikranie betroffen zu sein als Männer", berichtet Professor Dr. Ottar Sjaastad. Der renommierte Clusterkopfschmerz-Experte aus der Abteilung Neurologie, Krankenhaus Trondheim, Norwegen stellte in seinem Vortrag die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Clusterkopfschmerz und CPH vor. Die Differentialdiagnose ist wichtig: Was gegen CPH hilft, bleibt nämlich bei Clusterkopfschmerz wirkungslos und umgekehrt. Die Gemeinsamkeit von CPH und Clusterkopfschmerz sind die strenge Einseitigkeit der Schmerzen, die Intensität, die Lokalisierung um das Auge der betroffenen Seite und die bereits genannten autonomen Phänomene wie zum Beispiel Tränenfluss. Die Unterschiede liegen neben der Wirksamkeit von Indometacin bei CPH und nahezu völliger Wirkungslosigkeit dieser Substanz bei Custerkopfschmerz vor allem in der Anfallsfrequenz und -dauer. CPH-Attacken sind kurz, wiederkehrend und multipel. Sie sind nicht an bestimmte Tageszeiten gebunden. Clusterkopfschmerz-Attacken dauern hingegen länger - meist 30 - 90 Minuten, es können aber auch drei Stunden sein - und sie treten oft immer wieder zur selben Tageszeit auf, bevorzugt nachts. Männer sind fünf- bis achtmal häufiger von Clusterkopfschmerz betroffen als Frauen. Obwohl der Clusterkopfschmerz aufgrund seiner relativ stereotypen Symptome eigentlich nicht schwer zu diagnostizieren sei, erhielten viele Patienten aber nach wie vor keine adäquate Behandlung, schrieb bereits 1994 der Neurologe Professor Hans-Christoph Diener aus Essen in einem Lehrbuch. Diese stereotype Symptome konnten die Teilnehmer der Tagung in Lausanne gleich an mehreren Fallbeispielen studieren. "Stellen Sie sich einen Mann in den Fünfzigern vor, der einmal im Jahr, sechs bis acht Wochen lang, jeden Tag in den frühen Morgenstunden wegen heftiger, einseitiger Kopfschmerzen erwacht", so beschrieb zum Beispiel Professor Dr. J.N. Blau, Migräneklinik London, einen seiner Clusterkopfschmerz-Patienten. "Der Schmerz baut sich in fünf bis zehn Minuten auf; der Patient kann einfach nicht mehr liegenbleiben. Er muss aufstehen. Er ist unruhig und beginnt herumzulaufen. Das betroffene Auge ist rot, es tränt, und das Nasenloch auf der gleichen Seite ist entweder verstopft, läuft oder beides. Und es weis nicht, was er tun soll vor Schmerz." Die Unruhe, das Umherlaufenmüssen, ist typisch für den Clusterkopfschmerz. Während sich Migränepatienten am iebsten regungslos in einem dunklen Zimmer aufhalten, suchen diese Patienten nicht die Ruhe. Sie gehen vielmehr hektisch umher oder schaukeln mit dem Oberkörper. Als ob "eine glühende Nadel durch das Auge gestossen" oder das Auge "herausgedrückt" würde, so beschreiben sie ihre unerträglichen Schmerzen. Gegen akuten Clusterkopfschmerz geben Neurologen Sauerstoff, Sumatripan oder Ergotaminpräparate. Als Prophylaxe werden Verapamil, Prednison, Lithiumsalz und Methysergid eingesetzt. Nach Ansicht von Prof. Blau gehört die Behandlung von Clusterkopfschmerz-Patienten in die Hände von Speziallisten. Es reicht dabei nicht aus, dem Hausarzt lediglich eine bestimmte Medikation zu empfehlen. Vielmehr seien diese Patienten die einzigen, denen er sogar seine private Telefonnummer gebe, weil man die Medikation ganz genau an den Einzelfall anpassen muss. Das die richtige Diagnose trotz typischer Symptome häufig nicht gestellt wird, mag auch daran liegen, das Custerkopfschmerz und CPH relativ seltene Kopfschmerzformen sind. Die Prävalenz des Clusterkopfschmerzes beträgt 0,04 bis 0,09 und weltweit kennt man erst einige hundert Fälle von CPH. Überdies kann die Abgrenzung zur Migräne schwierig sein, da manche Patienten sowohl Clusterkopfschmerz- als auch Migräneattacken haben können. Jedenfalls sollten Sie aufhorchen, wenn ein Patient berichtet, dass ihn sein Kopfschmerz zum Umherlaufen geradezu zwingen würde. Dr. Renate Bonifer |